DSGVO-Bußgelder seit 2018: Was die Zahlen wirklich zeigen

Seit die DSGVO im Mai 2018 in Kraft getreten ist, hat sich die Durchsetzung von einer eher zurückhaltenden Aufsicht zu einem ausgereiften und strategisch ausgerichteten Regulierungsrahmen entwickelt.
In der gesamten EU wurden Bußgelder in Milliardenhöhe verhängt – doch die reinen Gesamtsummen erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Betrachtet man lediglich die Schlagzeilen, könnte man annehmen, dass die DSGVO-Durchsetzung vor allem von einigen wenigen Technologiekonzernen geprägt ist. Und tatsächlich führen Irland und Luxemburg das Ranking der durchschnittlichen Bußgeldhöhen an – vor allem aufgrund rekordverdächtiger Strafen gegen Unternehmen wie Meta oder Amazon. Doch das Gesamtbild ist deutlich differenzierter.
Zum Beispiel:
- Spanien führt Europa mit großem Abstand bei der Gesamtzahl der Bußgelder an.
- Irland dominiert bei den Gesamtbußgeldsummen – trotz vergleichsweise weniger Entscheidungen.
- Medien, Telekommunikation & Rundfunk weisen deutlich höhere durchschnittliche Bußgelder auf als alle anderen Branchen.
- Die häufigsten Verstöße sind weder exotisch noch komplex – sie betreffen grundlegende Prinzipien, die Rechtmäßigkeit der Verarbeitung und unzureichende Sicherheitsmaßnahmen.
- Die jährlichen Gesamtsummen schwanken stark – und ein einzelner Präzedenzfall kann die Statistik eines gesamten Jahres verändern.
Die Daten zeigen zwei parallele Realitäten der Durchsetzung: In einigen Ländern erfolgt eine hochfrequente operative Aufsicht, in anderen stehen strategisch bedeutsame Bußgelder mit großer finanzieller Wirkung im Fokus.
In diesem Artikel analysieren wir:
- Durchsetzung nach Branche
- Durchsetzung nach Land (Anzahl vs. finanzielle Dimension)
- Verstöße nach Kategorien
- Jährliche Entwicklungen von 2021 bis 2025
- Und was diese Muster für Unternehmen in der EU bedeuten
Die Schlussfolgerung könnte Sie überraschen: Die DSGVO-Durchsetzung zielt längst nicht mehr nur auf große Tech-Unternehmen ab – sie konzentriert sich zunehmend auf systematische Compliance, Dokumentation und technische Schutzmaßnahmen in allen Branchen.
Werfen wir nun einen Blick auf die Zahlen.
Diagramm 1: Durchschnittliches Bußgeld nach Branche (seit Inkrafttreten der DSGVO)
Das Diagramm zeigt deutlich, dass Medien, Telekommunikation und Rundfunk in einer eigenen Liga spielen, wenn es um die durchschnittliche Höhe von DSGVO-Bußgeldern geht. Der Abstand zu allen anderen Branchen ist auffällig. Mit einem durchschnittlichen Bußgeld von über 12 Millionen Euro liegt dieser Sektor um ein Vielfaches über dem zweitplatzierten Bereich und deutlich über dem Gesamtbild.
Dies deutet darauf hin, dass Aufsichtsbehörden in Fällen mit großvolumiger Datenverarbeitung, Plattformökosystemen, Werbetechnologien und grenzüberschreitenden Datentransfers besonders hohe Sanktionen verhängen – alles typische Merkmale von Medien- und Telekommunikationsunternehmen.
Auf Platz zwei folgt der Bereich Beschäftigung, mit einem durchschnittlichen Bußgeld von etwas über 2 Millionen Euro. Zwar deutlich hinter dem Spitzenreiter, zeigen arbeitsrechtliche Fälle dennoch vergleichsweise hohe Sanktionsniveaus. Dies spiegelt die Sensibilität von Beschäftigtendaten, das Machtungleichgewicht im Arbeitsverhältnis sowie häufige Compliance-Probleme wie Überwachung, übermäßige Datenspeicherung oder mangelnde Transparenz wider.
Knapp dahinter liegt Industrie & Handel mit ebenfalls rund 2 Millionen Euro Durchschnitt. Hier stehen häufig umfangreiche Kundendatenbanken, CRM-Systeme und komplexe Datenflüsse entlang von Lieferketten im Fokus. Datenpannen, unzureichende Sicherheitsmaßnahmen und unrechtmäßige Verarbeitung von Kundendaten zählen zu den zentralen Treibern der Durchsetzung.
An vierter Stelle folgt Transport & Energie mit durchschnittlich rund 1,5 Millionen Euro. Zwar niedriger als die Top-3, jedoch immer noch signifikant – insbesondere aufgrund der kritischen Infrastruktur und der großen Datenmengen in diesen Branchen.
Insgesamt zeigt das Diagramm ein klares Muster: Branchen mit hohen Datenvolumina, grenzüberschreitenden Aktivitäten und komplexen digitalen Ökosystemen sehen sich den höchsten durchschnittlichen Bußgeldern gegenüber.
Diagramm 2: Anzahl der Bußgelder nach Branche (seit Inkrafttreten der DSGVO)
Während das vorherige Diagramm die durchschnittliche Höhe beleuchtet, zeigt dieses die Anzahl der verhängten Bußgelder pro Branche – und damit eine andere Dynamik der Durchsetzung.
Industrie & Handel führt mit großem Abstand (nahezu 480 Bußgelder). Dies macht diesen Bereich zur häufigsten betroffenen Branche. Die hohe Anzahl dürfte auf die große Zahl an Unternehmen, umfangreiche Kundendatenverarbeitung und komplexe digitale Strukturen zurückzuführen sein.
Auf Platz zwei liegen Medien, Telekommunikation und Rundfunk mit etwas über 300 Bußgeldern. Interessant ist, dass dieser Sektor zwar bei der Durchschnittshöhe dominiert, aber nicht bei der Anzahl – ein Hinweis auf weniger, aber strategisch bedeutendere Fälle.
Bemerkenswert ist zudem die Kategorie Einzelpersonen & private Vereinigungen, die ebenfalls eine hohe Anzahl aufweist. Dies zeigt, dass die DSGVO-Durchsetzung keineswegs nur große Konzerne betrifft.
Es folgen Öffentlicher Sektor & Bildung sowie Finanzen, Versicherung & Beratung – beide mit über 240 Fällen. Dies unterstreicht die regulatorische Aufmerksamkeit für Institutionen mit sensiblen Datenbeständen.
Diagramm 3: Gesamtzahl der Bußgelder nach Land (seit Inkrafttreten der DSGVO)
Spanien führt mit rund 950 Bußgeldern deutlich das Ranking an. Der Abstand zu allen anderen Ländern ist erheblich und deutet auf eine besonders aktive Aufsicht hin.
Italien folgt mit etwa 400 Bußgeldern. Deutschland hingegen liegt trotz seiner wirtschaftlichen Größe mit 86 Fällen deutlich niedriger. Dies ist unter anderem auf die föderale Struktur der deutschen Datenschutzaufsicht zurückzuführen.
Weitere Länder wie Polen, Griechenland, Ungarn, Frankreich, Norwegen und Zypern zeigen eine moderate, aber kontinuierliche Durchsetzung.
Die Anzahl der Bußgelder wird nicht nur durch Bevölkerungsgröße oder Wirtschaftskraft beeinflusst, sondern auch durch nationale Durchsetzungskultur, Ressourcen der Behörden und regulatorische Prioritäten.
Diagramm 4: Durchschnittliches Bußgeld nach Land (seit Inkrafttreten der DSGVO)
Irland und Luxemburg stehen an der Spitze – allerdings aufgrund weniger, aber außergewöhnlich hoher Bußgelder.
Insbesondere folgende Top-3-Fälle prägen das Bild:
- Meta Platforms Ireland Limited – 1,2 Mrd. € (Irland, 2023)
- Amazon Europe Core S.à.r.l. – 746 Mio. € (Luxemburg, 2021)
- TikTok Technology Limited – 530 Mio. € (Irland, 2025)
Diese Großverfahren verzerren den Durchschnitt deutlich.
Spanien und Italien hingegen, die bei der Anzahl führen, weisen niedrigere Durchschnittswerte auf – ein Zeichen für breit angelegte, aber meist kleinere Sanktionen.
Diagramm 5: Kumulierte Gesamtsumme der Bußgelder nach Land
Auch hier dominieren Irland und Luxemburg – getrieben durch wenige, aber sehr hohe Bußgelder gegen multinationale Tech-Unternehmen
Frankreich und die Niederlande folgen mit ebenfalls signifikanten Gesamtsummen.
Deutschland liegt mit rund 56 Mio. € im mittleren Bereich.
Diagramm 6: Anzahl der Bußgelder nach Verstoßart
Zwei Kategorien dominieren klar:
- Unzureichende Rechtsgrundlage für die Datenverarbeitung
- Verstöße gegen allgemeine Datenschutzgrundsätze
An dritter Stelle stehen unzureichende technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs).
Die zentrale Erkenntnis: DSGVO-Durchsetzung konzentriert sich primär auf Rechtmäßigkeit und Grundprinzipien – nicht ausschließlich auf Cybersecurity-Vorfälle.
Zentrale Erkenntnis
Die Daten zeigen klar, dass sich die DSGVO-Durchsetzung in erster Linie auf die Rechtmäßigkeit der Verarbeitung und grundlegende Datenschutzprinzipien konzentriert – nicht ausschließlich auf Cybersecurity-Vorfälle.
Für Unternehmen ergibt sich daraus eine wichtige Botschaft:
- Die Dokumentation der Rechtsgrundlagen muss belastbar und regelmäßig überprüft werden.
- Datenschutzgrundsätze müssen fest in operative Prozesse integriert sein.
- Sicherheitsmaßnahmen müssen angemessen, risikobasiert und nachweisbar sein.
- Governance-Prozesse (Betroffenenrechte, Dokumentation, Zusammenarbeit mit Behörden) müssen strukturiert und ausgereift sein.
DSGVO-Risiken betreffen Governance und Rechenschaftspflicht ebenso stark wie IT-Sicherheit.
DSGVO-Bußgelder nach Jahr: Entwicklung von Fallzahlen und finanzieller Wirkung (2021–2025)
Die Tabelle verdeutlicht eine zentrale Dynamik der DSGVO-Durchsetzung: Die Anzahl der Bußgelder und deren finanzielle Gesamtwirkung entwickeln sich nicht parallel.
Jahr | Gesamtsumme der Bußgelder (€) | Gesamtzahl der Bußgelder |
2021 | 1.273.440.733 | 477 |
2022 | 841.297.735 | 537 |
2023 | 2.086.684.332 | 523 |
2024 | 1.181.757.699 | 297 |
2025 | 1.110.948.705 | 374 |
Mehrere klare Muster lassen sich erkennen:
- Die finanzielle Gesamtwirkung wird stark durch einzelne Mega-Bußgelder beeinflusst.
- Die Anzahl der Verfahren korreliert nicht zwingend mit der Gesamthöhe der Bußgelder.
- Aufsichtsbehörden kombinieren zunehmend:
- breite operative Durchsetzung (höhere Fallzahlen in manchen Jahren)
- strategische Großverfahren gegen bedeutende Marktteilnehmer
Die Daten zeigen, dass die DSGVO-Durchsetzung gereift ist. Sie beschränkt sich nicht mehr auf vereinzelte spektakuläre Großverfahren, sondern stellt ein dauerhaftes regulatorisches Umfeld dar – mit öffentlichkeitswirksamen Entscheidungen ebenso wie mit kontinuierlicher operativer Aufsicht.
Für Unternehmen bedeutet dies: Compliance-Risiken sind kontinuierlich und strukturell – nicht nur auf außergewöhnliche „Schlagzeilenfälle“ beschränkt.
DSGVO-Durchsetzung 2025: Anzahl vs. finanzielle Wirkung
Die Daten für 2025 zeigen eine deutliche Divergenz zwischen der Anzahl der verhängten Bußgelder und deren finanzieller Gesamtwirkung.
Die Länder mit den meisten Bußgeldern im Jahr 2025 waren:
- Spanien – 117 Bußgelder (28,3 Mio. € Gesamtvolumen)
- Italien – 77 Bußgelder (11,2 Mio. €)
- Rumänien – 73 Bußgelder (467.200 €)
Diese drei Länder vereinen 267 Bußgelder auf sich – mehr als 70 % aller 374 im Jahr 2025 verhängten Sanktionen.
Trotz dieser hohen Durchsetzungsaktivität bleibt die finanzielle Gesamtwirkung vergleichsweise moderat. Dies deutet auf einen starken Fokus auf operative Aufsicht und korrigierende Maßnahmen hin, statt auf großvolumige Strafzahlungen.
Demgegenüber wird die finanzielle Landschaft von wenigen, aber sehr hohen Bußgeldern geprägt:
- Irland – 3 Bußgelder mit insgesamt 530,7 Mio. €
- Frankreich – 12 Bußgelder mit insgesamt 484,6 Mio. €
- Deutschland – 4 Bußgelder mit insgesamt 45,7 Mio. €
Insbesondere Irland sticht hervor: Nur drei Entscheidungen summieren sich auf nahezu eine halbe Milliarde Euro. Dies spiegelt erneut die Konzentration großer multinationaler Technologieunternehmen unter irischer Aufsicht wider. Frankreich zeigt ein ähnliches Muster mit vergleichsweise wenigen, aber sehr hohen Sanktionen.
Von insgesamt 374 Bußgeldern im Jahr 2025 entfielen die meisten auf drei Verstosskategorien:
- 108 – Unzureichende technische und organisatorische Maßnahmen zur Gewährleistung der Informationssicherheit
- 102 – Verstöße gegen allgemeine Datenschutzgrundsätze
- 101 – Unzureichende Rechtsgrundlage für die Datenverarbeitung
Diese drei Kategorien machen zusammen 311 Fälle aus – mehr als 80 % aller Bußgelder im Jahr 2025.
Dies zeigt, dass sich die Durchsetzung weiterhin auf zentrale DSGVO-Pflichten konzentriert:
- Informationssicherheit
- Rechtmäßigkeit der Verarbeitung
- Grundlegende Datenschutzprinzipien
Zentrale Erkenntnis für 2025
Das Durchsetzungsmuster im Jahr 2025 bestätigt einen zweigleisigen Ansatz in Europa:
- Einige Länder (z. B. Spanien, Italien) verfolgen eine hochfrequente, moderat ausgestaltete Durchsetzung.
- Andere (z. B. Irland, Frankreich) verhängen weniger, aber strategisch besonders bedeutende und finanziell sehr hohe Bußgelder.
Für Unternehmen bedeutet dies, dass DSGVO-Risiken auf zwei Ebenen bestehen:
Routineverstöße können in jedem Land zu aufsichtsrechtlichen Maßnahmen führen, während strukturelle oder systemische Verstöße in grenzüberschreitenden Verfahren zu erheblichen finanziellen Risiken führen können.
Fazit
Seit Inkrafttreten der DSGVO ist die Durchsetzung in Europa strukturierter und strategischer geworden. Während einige Länder viele moderate Bußgelder verhängen, setzen andere wenige, aber sehr hohe Sanktionen durch.
Branchen mit komplexen digitalen Ökosystemen sind besonders betroffen. Verstöße betreffen überwiegend grundlegende Datenschutzprinzipien und Rechtmäßigkeitsanforderungen.
Die Zahlen zeigen: DSGVO-Risiken sind sowohl operativ als auch strukturell – und bleiben finanziell relevant.
Quellen:
https://cms.law/en/int/publication/gdpr-enforcement-tracker-report
https://www.enforcementtracker.com/?insights






